Video mit der DSLR – die ideale Belichtungszeit und wie man sie erreicht

31052011

Heute möchte ich einmal auf die Frage eines Lesers eingehen, der sich von meinem Artikel Video mit der Digitalen Spiegelreflex – Praxistipps dazu verleiten lassen hat, in die Materie einzusteigen. Er schreibt:

Hallo Gunther,
angeregt durch Deine Artikel habe ich vor ein paar Wochen auch mit dem Filmen über die DSLR angefangen, mein Sohn muss seitdem so einiges ertragen.
Besten Dank für Deine Artikel, die haben mir den Einstieg wirklich erleichtert (auch wenn ich bei Canon gelandet bin).

In vielen Tutorials wird immer wieder empfohlen, als Belichtungszeit den doppelten Wert der Framerate zu nutzen. Bei Aufnahmen mit 50fps also 1/100 Sek., bei 25fps 1/50 Sek. usw.
Die tatsächliche Belichtung des Films wird somit natürlich stark auf Blende und ISO beschnitten, bei den Aufnahmen wirkt diese Faustregel aber irgendwie stimmig.
Hast Du hierzu evtl. auch Erfahrungen gemacht?

Eigentlich hatte ich die Antwort als Kommentar schon fertig, da habe ich mir überlegt, dass das Thema eigentlich so spannend ist, dass ich ihm einen eigenen Artikel widmen kann.

Auch beim Fotografieren kann man mit einem Graufilter tolle Effekte erzielen…

Warum ist es beim Filmen relevant, mit welcher Belichtungszeit man arbeitet, wie sollte man sie wählen und woher um alles in der Welt kommt diese Faustregel?

Nun zunächst einmal die Antwort auf die letzte Frage. Wie vieles ist das historisch bedingt. Alte Filmkameras für Kinofilme haben 24 Bilder pro Sekunde aufgenommen. Dabei wurde die Hälfte der Zeit belichtet (1/48 Sek.) und die andere Hälfte der Zeit benötigte die Kamera, um den Film zu transportieren.

Heute sind wir da natürlich flexibler – fast alles ist möglich, nur länger als Standzeit eines Bildes (hier als 1/24 Sek.) kann man aus naheliegenden Gründen natürlich nicht belichten, sonst könnte die Wiederholfrequenz nicht gehalten werden.

Nun kommen wir zur Frage, wie wir mit unserer neu gewonnenen Flexibilität umgehen sollten. Möglichst kurz, möglichst lang, oder die goldene Mitte?

Schauen wir uns einmal an, wie die unterschiedlichen Belichtungen wirken.

Im ersten Bild würden wir mit 1/240 belichten, also einem Zehntel von 1/24.
9/10 der Standzeit eines Bildes belichten wir nicht, die eigentliche Zeit in der der Verschluss offen ist, ist sehr kurz. Der Film “verpasst” ein Großteil der Bewegung.

Im zweiten Beispiel würden wir mit 1/27 Sek. Belichten, also nur etwas kürzer, als die Standzeit. Der Film bekommt das meiste der Bewegung mit, es entsteht eine relativ starke Bewegungsunschärfe.

Cineasten schwören nach wie vor auf den sog. 180 Grad Shutter. Das ist die eben beschriebene Belichtung mit der Hälfte der Standzeit. So ist man es aus dem Kino gewöhnt und bei 24p sieht das “gut” bzw. “gewohnt” aus.

Die 180 Grad-Shutter-Regel besagt, dass man mit einer Belichtungszeit von 1/(Framerate *2) belichten soll

Also: die Fausregel besagt, dass man nicht allzuviel kürzer belichten soll, also die halbe Standzeit eines Bildes. Wenn man länger belichtet, gibt es mehr Bewegungsunschärfe, wenn man kürzer belichtet, gibt es den sogenannten “Stakkato-Effekt”. Der Film wirkt deutlich ruckeliger.

Das kommt nun natürlich wie gesagt aus dem Kinofilm, der mit 24fps ja recht langsam läuft. Puristen schwören darauf und filmen auch mit der DSLR immer mit 24fps und belichten brav mit 1/40 oder 1/50 Sek.

Ich sehe das nicht so eng. Für mich kann die Bildwiederholfrequenz meiner Filme ruhig höher sein, gerade, wenn ich Action aufnehme. Nicht zuletzt deswegen habe ich mir als Ergänzung zu meiner D7000 ja noch die D5100 gekauft, die mit 30fps filmen kann.

Je höher die Framerate, um so irrelevanter wird allerdings der oben beschriebene Effekt. Wenn Ihr mit 60fps filmt, werdet ihr vermutlich kaum einen Unterschied mehr feststellen, ob ihr kurz oder lang belichtet. Schon bei 30fps müsst ihr genau hinsehen.

Auf keinen Fall würde ich auf eine offene Blende mit der entsprechenden Tiefenunschärfe verzichten wollen, nur um die Belichtungszeit länger zu bekommen. Und da kommen wir dann auch schon zum Knackpunkt: wie schafft man es, die Blende offen zu halten und gleichzeitig ausreichend lange “Film-Kompatible” Belichtungszeiten zu realisieren?

Bei strahlendem Sonnenschein und einer Festlegung auf 1/40 Sekunde Belichtungszeit bliebe uns ja selbst bei ISO 100 nicht anderes übrig, als auf Blende 11 oder kleiner runterzugehen. Oftmals absolut inakzeptabel. Hier müsst ihr also entscheiden, ob ihr doch kürzer belichtet, oder zu einem Trick greift…

Die Lösung: Der Graufilter im Einsatz fürs Filmen

Viele Filmer nehmen ND-Filter (Graufilter) zur Hilfe, um bei offener Blende trotzdem die gewünschten relativ langen Belichtungszeiten realisieren zu können. Der ND-Filter tut nichts anderes, als einfach weniger Licht ins Objektiv einfallen zu lassen. Aus der Mittagssonne wird eine Abenddämmerung.
ND-Filter gibt es in verschiedenen Stärken, die passende müsst ihr dann jeweils ausprobieren oder errechnen. Allerdings wird die Anschaffung von 3 oder 4 ND Filtern schnell relativ teuer und das Rechnen bzw. Umschrauben der Filter nervt auf Dauer auch.

Als Alternative bietet sich daher ein sog. Vario-ND Filter, z.B. der Slim Fader (Vario) ND Graufilter Version II- ND2 – ND400 (achtet darauf, dass ihr den richtigen Filterdurchmesser kauft!). Damit lässt sich stufenlos die Lichtdurchlässigkeit regulieren.
Das Prinzip beruht auf 2 gegeneinander verdrehbaren Polfiltern, die allerdings bei dem Vario-ND Filter besonders dünn ausfallen, um nicht zu vignettieren. ND2-ND400 bedeutet, dass die schwächste Einstellung immer noch die Hälfte des Lichts durchlässt, die stärkste allerdings nur noch 1/400 des Lichts, also eine 400x längere Belichtung ermöglicht.

Update: Mein Freund Stefan Groenveld hat sich den Vario-ND Filter gekauft und berichtet darüber in einem Blog-Artikel. Dabei geht er auch auf die konstruktionsbedingten Nachteile der Lösung, die auf zwei verdrehbaren Polfiltern beruht, ein.

Fazit:

Wenn ihr cineastisch anspruchsvoll filmen wollt, dann kommt ihr um die Anschaffung eines oder mehrerer Graufilter nicht drumherum. Ich empfehle Euch für den Anfang einen Vario Filter. Im Bereich der nicht allzustarken Abdunklung macht der einen guten Job. Wenn ihr es perfekt haben wollt und Kleingeld keine Rolle spielt, dann legt Euch einen Satz echte Graufilter zu.

Wenn ihr allerdings größtenteils Action mit hohen Frameraten filmen wollt, kommt dem Thema “Verschlusszeit” keine ganz so hohe Bedeutung zu.

So, ich hoffe, damit etwas Licht ins Dunkel gebracht zu haben und freue mich immer über Eure Fragen, Kommentare und Anregungen zu neuen Artikeln!

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63 Kommentare bisher


  1. videoarb 20. Juni 2016, 09:01   »

    Habe mit großen Interesse diese Diskussionen (auch in verschiedenen Foren) vefolgt. Scheinbar gibt es keine eindeutige und klare Line. Ich filme z. B. mit Panasonic GH 4 und habe nach langen Versuchen für mich eine Einstellung gefunden, mit der ich leben kann. Framerate 60 B/sek, Bellichtungszeit 1/125/sek oder kürzer für HD. In UHD verwende ich 30 Bilder/sek und Belichtungszeiten ab 1/100 sek.
    In der Bedienungsanleitung meiner Panasonic LX 100 ist expliziet angegeben
    “für schnelle Bewegungen Belichtungszeit 1/1000 sek., für sehr schnelle Bewegungen verwenden sie 1/2000 sek.”
    Damit habe ich zum Teil sehr gute Ergebnisse erzielt bei statischer Kamera und Bewegungen im Bild.
    Diese Aussage hatte ich im Lumix Forum zur Diskussion gestellt und nur wenig Verständnis erhalten.

  2. Alex 27. Mai 2016, 08:04   »

    Endlich einer der das ganze Verhalten super verständlich erklärt hat! Vielen Dank!

  3. Ben 20. Mai 2016, 17:37   »

    Old but Gold :) Immer noch gut obwohl der Artikel etwas älter ist, wirklich nützliche Tipps! Danke :)

  4. Heike Muschert 23. Januar 2016, 10:53   »

    Da ich in Immobilienfotografie tätig bin habe ich genau deine Tipps gebraucht. Vielen dank!

  5. Patrik 4. Januar 2016, 22:26   »

    Für meine Baustellen Dokumentation war eure Artikel sehr hilfreich. Weiter so!!!

  6. Philipp M. 27. Mai 2015, 08:45   »

    Super Artikel! Wollte nur mal danke für deinen Aufwand und dein Wissen sagen. :-)

  7. Joachim 15. Februar 2015, 10:12   »

    Vielen Dank für eure Antworten, habt mir sehr geholfen. Ich werde das berücksichtigen.
    Gruß Joachim.

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