Reisefotografie – Teil 1 – Tipps zum eigenen Verhalten bei der Fotografie auf Reisen

27112010

Nicht immer befinden wir uns beim Fotografieren in unserer heimischen Komfortzone. Wenn wir in ferne Länder reisen, begeben wir uns in ein komplett anderes Umfeld mit anderen sozialen Strukturen, anderen kulturellen Hintergründen und anderen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Manaus - Wahnsinn
Manaus – Wahnsinn

Häuserschluchten und eine unheimliche Menschenfülle prägen das Straßenbild. Überall auf den Bürgersteigen sind Stände und Buden, die etwas verkaufen wollen. Von den Bürgersteigen bleibt gerade soviel Platz übrig, dass wir uns hintereinander durchquetschen können. Wir schieben uns durch ein Gewusel von Menschen. Richtig sicher fühlen wir uns hier nicht.

Wir befinden uns in Manaus, Brasilien. Einer Millionenstadt inmitten des Amazonas-Regenwaldes. Viel haben wir bei dieser Stadtbesichtigung nicht bei uns. Ich habe ein Fake-Portemonnaie mit abgelaufenen Kreditkarten und ein paar Scheinen in der Hosentasche. Falls wir überfallen werden, kann ich das ohne nennenswerten Schaden herausgeben. In der anderen Hosentasche habe ich lose ein paar Scheine und Münzen für den heutigen Bedarf. Ansonsten haben wir nur noch unsere Regenjacken und die kleine Lumix dabei. Ohne Fotos wollen wir die Stadt ja nicht verlassen.

Dieser Auszug aus unserem Buch Brasilien – Highlights des Nordens, könnte auch in einer beliebigen anderen Stadt spielen und ich zitiere ihn nicht, um Brasilien hier zu diskreditieren – nichts läge mir ferner, denn in diesem Land wurde ich geboren und das Land ist einfach wunderbar. Aber diese Situation macht deutlich, dass es dort, wie in fast allen Großstädten dieser Welt, auch schwierige Ecken gibt und sie macht uns eine Herausforderung der Reisefotografie besonders deutlich:

Wie kommt man an möglichst gute, d.h. aussagekräftige und qualitativ hochwertige Fotos und vor allem, wie bringt man diese dann auch noch nach Hause, ohne sein Equipment, seine Fotos oder gar sein Leben aufs Spiel zu setzen?

Gerade in den am spannendsten zu bereisenden Ländern Süd‑ und Lateinamerikas, Asiens und Afrikas sind unserer aller Kamera-Ausrüstungen in der Regel mehr wert, als manche Einheimischen in vielen Jahren verdienen. Das Wissen über den Überfluss in den im Verhältnis dazu reichen Ländern – zu denen auch Deutschland gehört – trägt unter Umständen das übrige dazu bei, die Hemmschwelle zu senken, sich dieses teuer aussehende Equipment aneignen zu wollen. Meist wird es dann auf dem Schwarzmarkt zu einem Bruchteil des eigentlichen Wertes verkauft – denn den wahren Wert können die Diebe in der Regel nicht abschätzen.

Das Faultier
Das Faultier

Einen Tag später befinden wir uns 80 km von Manaus entfernt inmitten des tropischen Amazonas Regenwaldes. Hier fotografieren wir Faultiere, Papageien und die letzten Ureinwohner. Die Lumix bleibt im Rucksack. Hier können wir gefahrlos die Nikon mit dem Tele-Objektiv auspacken. Und hier brauchen wir sie auch, denn der dichte Regenwald schluckt bis zu 90 % des Tageslichts. Die Augen gewöhnen sich schnell daran. Erst der Belichtungsmesser der Kamera offenbart, wie wenig Licht hier unten wirklich ankommt. Lichtstarke Objektive mit VR und ein rauscharmer Sensor spielen hier ihre Vorzüge aus. Eine der wenigen fotografischen Situationen, in denen die Technik wirklich hilft.

 

In dieser Artikelreihe möchte ich Euch einige unserer in Jahren des Reisens gesammelten Erfahrungen weitergeben und Tipps aufzeigen, wie man sicher und trotzdem „fotografisch anspruchsvoll“ reisen kann.

Ein Tigerchamäleon in freier Wildbahn mit dem Nikkor 18-200 VR
Ein Tigerchamäleon in freier Wildbahn mit dem Nikkor 18–200 VR


Das eigene Verhalten

In einem angespannten Umfeld mit sozialem Ungleichgewicht ist es wichtig, möglichst wenig aufzufallen. Als Mitteleuropäer ist das allerdings oft schon wegen der eigenen Statur und Hautfarbe schwer. Kommt dazu noch eine unpassende Kleidung und eine dicke Kamera um den Hals, ist der reiche „Gringo“ perfekt. Ein leichtes Opfer.

Die Devise ist also: nicht auffallen. So tun, als ob man dazu gehört. Als ob man hier leben würde. So unwahrscheinlich ist das ja in diesen Städten gar nicht – denn sie sind oft Schmelztigel der Nationen. Aber man muss sich dann natürlich auch wie jemand verhalten, der hier lebt und nicht wie ein Tourist.

In Salvador haben wir einmal einen Einheimischen gefragt, woher er denn wüsste, wer Tourist sei und wer Brasilianer.

Er sagte: „Das ist ganz einfach. Die Touristen bleiben ständig unvermittelt stehen und schauen nach oben zu den Häuserfassaden – oder sie fotografieren.“

So einfach ist das.

Hier also einige gute Tipps:

  • Nehmt möglichst wenig mit auf den Trip in die Stadt.
  • Kleidet Euch nicht wie Touristen sondern wie Einheimische. Was haben die an? Kauft Euch vor Ort ein paar günstige Sachen und tragt die anstatt der teuren Jack-Wolfskin Ausstattung.
  • Tragt wenig Geld bei Euch, verteilt es am Körper.
  • Holt euch in einem Laden eine Einkaufstüte und packt dort die paar Sachen hinein, die ihr bei Euch habt. Das ist viel, viel besser als ein Rucksack oder eine Kamera-Tasche, die für sich schon Begehrlichkeiten wecken! Selbst eine teure Kamera wird, in ein Handtuch eingewickelt und in einer Plastiktüte getragen, kein Aufsehen erregen.
  • Seid hellwach. Beobachtet unauffällig aber sehr aufmerksam Eure Umgebung. Folgt Euch jemand? Versucht ihn unauffällig abzuschütteln. Ist er nach einigen Richtungswechseln immer noch hinter Euch? Nun, dann könnt ihr Euch sicher sein – jemand hat es auf Euch abgesehen. Versucht ihn abzuhängen. Steigt z.B. in einen Bus. Klappt das alles nicht, bleibt stehen und schaut ihn offen an. Zeigt ihm, dass ihr wisst, dass er etwas vor hat. Über eine entsprechende Situation habe ich ja schon einmal berichtet.
  • Nutzt die Technik des Fake-Portemonnaies mit einigen Scheinen und abgelaufenen Kreditkarten. Diebe wollen schnelle Erfolge. Gebt sie ihnen im Falle eines Falles.
  • Solltet ihr überfallen werden, gebt euer (Fake‑)Portemonnaie ohne Zögern heraus. Gebt auch die Kamera heraus oder was sie sonst haben wollen. Gebt den Dieben, was sie wollen.
  • Waffen und Messer sind in der Regel keine Option. Bedenkt: Kriminelle können viel besser damit umgehen, als ihr und sind viel routinierter und skrupelloser!
  • Das Einzige, das wir daher für den allergrößten Notfall (!) immer dabei haben, ist Pfefferspray. Allerdings ist das das allerletzte Mittel wenn Diebe mehr als Euer Hab und Gut wollen.
    Das ist aber extrem selten der Fall!
    Ihr müsst Euch wirklich wirklich 100%ig sicher sein, wenn ihr es einsetzt. Es gibt dann kein Zurück mehr.
    Denkt an den Wind. Haltet die Dose vor allem richtig herum (kein Witz!). Meist haben die Dosen auf einer Seite so einen Clip – prägt Euch ein ob der links oder rechts ist, wenn die Düse nach vorne zeigt. So könnt ihr sie Euch schon in der Hosentasche unauffällig zurecht drehen. Bedenkt, dass ihr in dieser Situation nur einen einzigen Schuss habt und dann sofort fliehen müsst! Checkt vorher unauffällig, in welche Richtung ihr laufen könnt.

Fotografiert nur dort, wo ihr Euch absolut sicher fühlt. Verharrt an dem Ort im Zweifelsfall ein paar Minuten unauffällig. Lasst die Umgebung auf Euch wirken. Wenn alles in Ordnung ist, dann fotografiert unauffällig und lasst die Kamera dann schnell wieder verschwinden.

Sicherheit vs. Technik

Diese Beispiele oben machen natürlich einen klaren Zielkonflikt deutlich: einerseits müssen wir unauffällig Reisen, unser Equipment nicht zur Schau stellen und schnell zur Hand haben – auf der anderen Seite sind wir gerade in der Natur‑ und Tierfotografie auf ein gewisses Maß an Technik angewiesen, um brauchbare Fotos aufnehmen zu können. Beides liegt auf Reisen oft nah bei einander.

Über allem sollte auf jeden Fall die eigene Sicherheit stehen.

Das Schaubild zeigt, dass die Anforderungen an das Equipment bei diesem Spagat kaum unterschiedlicher sein könnten.

Über allem sollte auf jeden Fall die eigene Sicherheit stehen.
Wir haben schnell festgestellt – und die Beispiele machen es deutlich – dass sich diese Anforderungen mit einer einzigen Kamera nicht ohne Weiteres unter einen Hut bringen lassen.

Unsere Empfehlungen

  1. Führt neben der Spiegelreflex-Ausrüstung immer noch eine zuverlässige aber nicht zu teure Kompaktkamera mit euch. Diese Kamera ist zum „weggeben“, falls die Situation eintreten sollte. Wenn ihr sicher gehen wollt, nehmt zwei mit.
  2. Versichert Euer Equipment bei einer Foto-Versicherung. Bei meiner Versicherung zahle ich 2,75 % des Neuwertes des Equipments pro Jahr und bekomme den Neuwert erstattet, sollte etwas gestohlen oder beschädigt werden. Das senkt immens die Hemmschwelle, die Kamera im Falle eines Falles herzugeben und erhöht somit signifikant Eure Sicherheit. Zum Thema Foto-Versicherung habe ich einen separaten Artikel geschrieben.
  3. Das jeweils nicht benötigte Equipment – in den Städten ist es die Spiegelreflex samt Objektiven, generell sind es volle Speicherkarten und Sicherungsmedien – lässt man an einem sicheren Ort, am besten in der eigenen Unterkunft, wenn möglich in einem Safe. Den Menschen, bei denen Ihr unter kommt, könnt ihr in der Regel vertrauen.

In den nächsten Folgen möchte ich Euch einiges zur Wahl des Equipments erzählen – sowohl für die ambitionierte Naturfotografie als auch für die aus Sicherheitsgründen mitzuführenden leichten Alternativen.

Reisefotografie – Teil 2 – Die Wahl der Spiegelreflex (DSLR) Kamera Ausrüstung

Habt ihr im Ausland schon negative oder auch positive Erfahrungen zu diesem Thema gemacht? Lasst uns doch in den Kommentaren gerne einmal daran teilhaben!

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16 Kommentare bisher


  1. SagtMirNix.net 26. Januar 2015, 14:47   »
    Gravatar

    Mir persönlich gehen diese „Touristen-Touristen“ immer ziemlich auf den Keks. Als ich vor einem halben Jahr in Paris war, habe ich jemanden gesehen, der seien DSLR auf einem Stativ aufgebaut hatte um ein „Selfie“ vor dem Triumphbogen zu machen. Außerdem nervt mich, wenn Leute einfach nur alles Knipsen, was ihnen vor die Linse kommt, statt sich die Dinge mal der Dinge wegen in Ruhe anzuschauen. Hauptsache Beweisfotos machen.

    Nicht, dass das auf dich oder deine Tips o.Ä. zutrifft. Ich wollte das nur mal loswerden ;)

  2. Felix 25. Januar 2015, 11:26   »
    Gravatar

    Hey,
    vielen Dank für den Artikel.

    Ich habe in Asien immer wieder gesehen dass Touris rumlaufen, schön die Essenstände und Leute fotografiern ohne zu fragen und vor allen Dinge ohne was zu kaufen. So ein Porkstick kostet 10 Baht schmeckt lecker und der Verkäufer ist dann auch glücklich und freut sich eher noch über ein Foto als wenn man vor dem Stand steht den weg blockiert, knipst und wieder abhaut.

    Ich habe mir einen Sunsniper gekauft und trage daran meine Kamera rum. Das Ding hat ein Stahlseil integriert und lässt sich nicht ohne weiteres durchschneiden. Außerdem kann man die Cam dann schön unter einer Jacke tragen. Das beult zwar auch aus aber fällt IMHO weniger auf als ein normaler Halsgurt.

    Gruß

    Felix

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