Fleisch – oder: warum mir die Lust darauf vergangen ist.

17082010

Heute möchte ich die Gelegenheit ergreifen, eine Spezial-Ausgabe zu machen zum Thema Vegetarismus und Tierschutz. Bitte klickt jetzt nicht gleich weiter, auch wenn ihr glauben solltet, dass Euch das nicht interessiert, sondern schaut Euch die Links und Videos erstmal an, bevor Ihr Eure Schlüsse zieht.

Auch ich bin vor einigen Jahren noch überzeugter, vielleicht sogar leidenschaftlicher Fleischesser gewesen. Mittlerweile kommt es allerdings nur noch sehr selten vor, und wenn, dann wenig und ausgesuchtes Fleisch vom Biobauern.

Persönlich

Noch vor ein paar Jahren hätte ich mir gar nicht vorstellen können, mich vegetarisch zu ernähren. Ich dachte, es wäre mit großem Verzicht verbunden und sah auch keine reelen Alternativen. Es hat mich dann unwahrscheinlich überrascht, wie wenig es mir im Alltag dann wirklich ausmachen würde.

Wie kam es zu dem Sinneswandel? Nun: Auslöser dafür war bei mir vor allem die Erkenntnis, unter welchen Bedingungen das Fleisch, dass auf meinem Teller zu liegen kommt, produziert wird. Die Einsicht kam vor allem durch einen sehr eindrücklichen Film, der mir nachhaltig die Augen geöffnet und den Appetit auf Fleisch gründlich verdorben hat.

Tiger Heron - Nacktkehlreiher
Tiger Heron – Nacktkehlreiher

Weiterhin wäre es doch eine unglaubliche Doppelmoral, wenn ich einerseits als leidenschaftlicher Tierfotograf und Tierliebhaber mich über jeden Affen, jedes Faultier, jeden Reiher und jeden Einsiedlerkrebs freuen würde, den ich fotografieren kann, und auf der anderen Seite tagtäglich dafür verantwortlich wäre, dass Tiere für mich getötet werden – findet ihr nicht?

[Update, Oktober 2010: Da ich Fleisch, wenn überhaupt, nur noch beim Bio-Bauern kaufe, gibt es den "Greifreflex" im Supermarkt bei mir nicht mehr. Den bewussten Weg zum Bauern anzutreten bedeutet dann aber auch, extra da hin zu fahren, und sich dadurch für den Tod eines Tieres bewusst verantwortlich zu machen. Vor diese Entscheidung gestellt, fällt es mir so leicht wie nie zuvor, Nein zu sagen. Tja, was soll ich sagen: ich war seit dem Schreiben dieses Artikels nicht ein einziges Mal beim Bio-Bauern, um Fleisch zu kaufen. Und ich habe nicht den Eindruck auf irgendetwas für mich wichtiges zu verzichten.]

So sollten Tiere leben. Die Realität sieht leider anders aus.
So sollten Tiere leben. Die Realität sieht leider anders aus.

Medial

Es freut mich jedenfalls sehr, dass diese Tage durch das viel beachtete Buch Eating Animals von Jonathan Safran Foer, welches gerade auf Deutsch heraus kommt (hier eine sehr gute Rezension) und hierzulande schlicht und ergreifend Tiere essen heißt, dem Thema eine Menge medialer Aufmerksamkeit zukommt.

Im Zusammenhang damit sind viele Artikel und Beiträge erschienen, die allesamt zu dem Schluss kommen, dass man heutzutage als denkender und zivilisierter Mensch die barbarische Massentierhaltung, wie sie hinter verschlossenen und gut von der Öffentlichkeit abgeschotteten Schlachthaustüren tagtäglich zigtausendfach geschieht, nicht durch unser Konsumverhalten unterstützen können und dürfen.

Wir müssen damit aufhören, die Augen vor dem zu verschließen, was in unserem Auftrag passiert. Denn genau das ist es: der Kauf tierischer Produkte ist unser Auftrag an die entsprechende Industrie! Und diese Industrie tut Dinge, die wir ganz sicherlich alle nicht gut heißen würden, wenn wir von ihnen wüssten.

Ein Weg

Ich bitte Euch daher heute, mir auf die Reise durch einige Artikel und Videos zu diesem Thema zu folgen. Danach müsst Ihr für Euch selbst entscheiden, welche Schlüsse Ihr daraus zieht. Ich halte es da wie Herr Foer: selbst wenn die Menschheit nur jeden zweiten Tag Fleisch essen würde, ja selbst wenn nur ein Tag die Woche kein Fleisch gegessen würde, wäre das schon ein Anfang und ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Ich habe damit angefangen, kein Fleisch mehr in zubereiteten Produkten, kein Fleisch in Marinade, keine Wurst, kein Fleisch in der Kantine etc. zu essen. Kein Fleisch, bei dem ich nicht weiß, wo es herkommt.

Warum? – Achtet bei diesen Produkten wirklich einmal auf den Geschmack. Was schmeckt ihr? Ist es wirklich das Fleisch? Oder ist es die Marinade, die alles übertüncht? Sind es die Gewürze? Habt ihr Euch mal gefragt, warum fast alles heute irgendwie eingelegt oder zubereitet ist? Kauft mal solch eingelegtes, mariniertes Grillfleisch und wascht die Marinade ab. Dann bratet es in der Pfanne. Ich kann Euch versprechen, das ist heilsam.

Ich will mit diesem Artikel keinen bekehren, komplett auf Fleisch zu verzichten. Aber wenn ihr Fleisch kauft, dann wäre mein Appell: kauft es bitte bewusst. Und esst es bewusst. Kauft es uneingelegt. Kauft es unverpackt an der Fleischtheke, am besten beim Bio-Bauern. Fragt, wo es her kommt. Macht den Geschmackstest. Vergleicht gerne auch einmal mit dem billigen Fleisch. Testet ohne Marinade, ohne Ketchup nur mit etwas Salz. Wie sieht es aus? Wie riecht es? Wie schmeckt es?

Artikel und Videos

    • Die Zeit hat in Ausgabe 33 vom 11.08. mit dem großen Aufmacher
      → Tiere sind auch nur Menschen
      einen aus meiner Sicht besonders lesenswerten Artikel herausgegeben, der auch Online verfügbar ist. Diesen sollte wirklich jeder einmal gelesen haben und sich dann seine eigenen Gedanken dazu machen.
    • Auch FAZ.NET bringt es auf den Punkt:
      → Etwas stimmt nicht mit der Welt

      So sollten Tiere leben. Die Realität sieht leider anders aus.
      So sollten Tiere leben. Die Realität sieht leider anders aus.
    • Spiegel Online bringt ein Spezial zum Thema:
      → Vegetarische Ernährung – die Besseresser

      In fast allen Kulturkreisen wurde tierische Kost mit Wohlstand gleichgesetzt – inzwischen wird die Zahl der Verweigerer immer größer. Eingeschränkter Verzicht auf Fleisch ist nicht nur gesund, sondern schont auch die Umwelt: Sieben bis neun pflanzliche Kalorien sind nötig, um eine tierische zu erzeugen.

    • Und damit das ganze nicht zu abstrakt wird, hier noch ein Beitrag aus der ZDF-Mediathek über die
      → Machenschaften der Hähnchenmäster

      So sollten Tiere leben. Die Realität sieht leider anders aus.
      So sollten Tiere leben. Die Realität sieht leider anders aus.

      Jeder denkende Mensch, der ein halbes Hähnchen für 2,50 € kauft oder einen Döner für den lächerlichen Preis von „billig“ müsste sich doch die Frage stellen, wie das funktionieren soll?? Wer an tierischen Produkten spart, fügt anderen Lebewesen großes Leid zu.

    • Und auch unsere lieben Politiker hängen ganz tief mit drin. Report Mainz deckt die geschäftliche Verbindung der niedersächsischen, für den Tierschutz verantwortlichen Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen zur tierquälerischen Putenhaltung auf.
    • Die Tierschutzorganisation PETA hat dazu auch eine Meinung und zeigt schockierende Bilder.

      So sollten Tiere leben. Die Realität sieht leider anders aus.
      So sollten Tiere leben. Die Realität sieht leider anders aus.
    • Was viele immer noch nicht wissen: Egal ob Käfig‑ oder Bioeier: am Anfang werden Küken benötigt, und zwar nur die weiblichen. Sie müssen ihr kümmerliches Dasein als Legehennen fristen. Alle männlichen (50 % alle Küken) werden, da es für die Fleischproduktion andere, spezielle Züchtungen gibt, nicht gebraucht und daher aussortiert und vergast oder „vermust“ – ein abartiges Wort für eine abartige Tat. 45 Millionen jedes Jahr alleine in Deutschland.

Dies sind nur einige Beispiele für das, was tagtäglich im Auftrag der Konsumenten – in unserem Auftrag – passiert. Ich möchte Euch jetzt erstmal weitere Videos ersparen, wer darüber hinaus gehende Infos möchte, wird im Netz schnell fündig. Wenn er nur danach sucht.
Die Seiten von PETA oder der Albert Schweitzer Stiftung sind gute Ausgangspunkte.

Earthlings

Vielleicht wollt ihr noch wissen, welches Video es war, das mir damals die Augen geöffnet hat.

Es war der Film Earthlings von Shaun Monson.

„Earthlings“ ist eine Dokumentation in Spielfilmlänge über die absolute Abhängigkeit der Menschheit von Tieren (als Haustiere, Nahrung, Kleidung, zur Unterhaltung und in der wissenschaftlichen Forschung), veranschaulicht aber auch unsere Geringschätzung gegenüber diesen sog. „nicht-menschlichen Versorgern“. Der Film bietet detaillierte Einblicke in Tierhandlungen, Welpen-Fabriken und Tierheime sowie Massentierhaltungen, den Leder‑ und Pelzhandel, die Sport‑ und Unterhaltungsindustrie und schließlich den medizinischen und wissenschaftlichen Beruf.

Ein Wort der Warnung. Dieser Film geht über 90 Minuten und ist definitiv nichts für „zwischendurch“. Er zeigt wirklich deutliche und absolut erschreckende Bilder von Handlungen, die ich Menschen niemals zugetraut hätte. Auf der anderen Seite sind wir es als Konsumenten, die dafür mitverantwortlich sind, dass solche Dinge geschehen. Daher finde ich, dürfen wir auch die Augen davor nicht länger verschließen.

Die englische Fassung könnt ihr Euch (auch mit deutschen Untertiteln) bei veg.tv herunterladen.
Die deutsche Fassung findet ihr bei sevenload.

Danke!

Ich weiß, es ist eine Menge, was ich Euch heute mitgebe. Aber es war mir schon länger ein Bedürfnis, das einmal aufzuschreiben und so darauf aufmerksam zu machen.

Danke, wenn ihr mitgegangen seid, Euch die Infos durchgelesen habt und die Videos geschaut habt. Gerne können wir im Kommentarbereich darüber diskutieren. Ich freue mich, von Euch Eure Meinung zu dem Thema zu hören..

Wenn Ihr mehr zu der Thematik erfahren wollt, könnt ihr das Buch Tiere Essen direkt von hier aus bei Amazon bestellen*.

*Das ist ein affiliate Link. Wenn ihr darüber bei Amazon etwas bestellt, bekomme ich eine kleine Provision, ihr bezahlt aber keinen Cent mehr.

P.S.: Danke an Claudia Klinger für ihre tollen Links auf Twitter, die mir eine inspiration beim Schreiben dieses Artikels waren.

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Kommentare

4 Kommentare zu “Fleisch – oder: warum mir die Lust darauf vergangen ist.”


  1. evelyn Wegner 17. August 2010, 21:45   »
    Gravatar

    Lieber Gunther,
    ich muß Dir Recht geben. Es ist wirklich nicht artgerecht
    wie mit den Tieren umgegangen wird. Wenn sich jeder nur
    ein bischen darüber klar wäre, würde es wohl doch schon
    wesentlich mehr Vegetarier geben.Ich selbst esse sehr
    sehr wenig Fleisch und ziehe das vegetarische Essen vor.
    Dank, daß Du Dich, durch Deine Berichte so einsetzt. Gruß E.

  2. Marcus Hofmann 17. August 2010, 21:50   »
    Gravatar

    Bravo. Endlich mal jemand, der das Thema sachlich, vernünftig und ohne ideologische Verblendung behandelt. Das gefällt mir. Ich selber esse genau deshalb auch seit Jahren fast gar kein Fleisch. Wenn ich es tue, dann nur von Tieren, mit denen ich quasi per Du war. Dann aber mit Genuss. Guten Appetit. :-)

  3. Michael Ernst 13. September 2010, 19:10   »
    Gravatar

    Hallo Gunther,

    wir hatten ja schon in Stralsund über das Thema gesprochen, inbesondere auch über den Zusammenhang mit dem Anbau von Futterpflanzen und den daraus resultierenden Monokulturen (wäre hier ggf. eine Ergänzung?).

    Bei uns gibt es daher auch bereits seit längerem deutlich weniger Fleisch als früher… unsere Jungs sind damit also auch schon dafür sensibilisiert.

    Die Filme schockieren immer wieder – selbst wenn man sich das Thema einmal bewusst gemacht hat. Daran sieht man, wie gut das alte Bioprogramm der Verdrängung funktioniert.

    Viele Grüße,
    Michael

  4. Cornelia Poskowski 13. Dezember 2012, 11:32   »
    Gravatar

    Hallo Gunther,
    wir sind heute über Deinen aktuellen Bericht zu Afrika auf diese Seiten gestoßen und waren positiv überrascht, dass es Menschen gibt, die genauso denken wie wir. Auch für uns war Earthlings vor Jahren der Grund aus dem Fleischkonsum auszusteigen und kritisch über Tierhaltung und Dumpingpreise zu denken. Und wie ich lese, gibt es noch mehr Familien, die ihren Kindern die vegetarische Ernährung anbieten und das ohne Schwierigkeiten. Ich denke, auch wenn es vielleicht eine ganze Generation braucht, aber wir sind hoffentlich auf dem richtigen Weg, den Qualen der Tiere Einhalt zu gebieten. Steter Tropfen…
    Viele Grü0e aus Stahnsdorf
    Cornelia Poskowski

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