Afrika Hautnah – Folge 21 – Verdammt, Diana ist weg

26032013

Eigentlich dachten wir, dass wir heute – auf der Fahrt zu unserer letzten Station in Südafrika –  nicht so lange unterwegs sein würden. Leider sollte sich das Gegenteil herausstellen. Denn gestern ist unser Tankinhalt stärker geschrumpft, als erwartet – möglicherweise sind beide Tanks des Fahrzeugs doch nicht gleich groß, wie uns der Vermieter das mitgeteilt hatte.

Während wir den Zusatztank leer gefahren haben, also die gesamte Strecke von Maun bis Kasane, hat sich die Tanknadel gar nicht bewegt. Das hatte man uns bei auch gesagt. Solange im Zusatztank etwas drin sei, würde sich die Nadel nicht bewegen. Da wir damit über 800 Kilometer gefahren sind, gingen wir natürlich davon aus, dass ab dem Zeitpunkt, wo die Tanknadel sich beginnen würde zu bewegen, nochmal ca. 800 Kilometer drin sein würden. Riesen Tanks – kam mir gleich komisch vor – immerhin sind wir ja viel durch Tiefsand und mit 4 × 4 gefahren.

Nun, offenbar ging es jetzt deutlich schneller. Unser Tank ist nun nur noch ¼ voll und so schnell, wie die Nadel gestern runter ging, müssen wir uns jetzt dringend darüber Gedanken machen, wie wir an Diesel kommen. Ich frage den Guide am Camp, wo denn die nächste Tankstelle sei – All-Days sagt er.

Nein, nicht wann sie aufhat! Wo sie ist – ich gehe von einem Verständigungsproblem aus.

„All-Days“ sagt er wieder.

Nach einigem hin und her komme ich dahinter, dass „All-Days“ ein Ort ist. In Südafrika. Und leider überhaupt nicht auf unserer Route.

„So weit ist der Abstecher aber nicht…“ – gibt er uns noch mit.

Was bleibt uns also anderes übrig. Hoffentlich schaffen wir es noch bis da hin.


Jaja, in Botswana ist das mit den Entfernungen so eine Sache. Was auf der Karte kurz aussieht, selbst in Kilometern – was sind schon 50 Kilometer? – kann auf Schotterpisten ganz schön anstrengend werden. Uns bleibt aber nun gar nichts anderes übrig, als den Abstecher in Kauf zu nehmen.  Aber vorher müssen wir erst mal über die Grenze.

Die 4 Stunden Grenzüberquerung auf dem Hinweg noch gut im Gedächtnis und mit etwas Bammel vor der Einfuhr unseres ganzen, nicht deklarierten Kamera-Equipments, fahren wir also zur Grenze, die eigentlich nicht weit entfernt ist. Nicht weit heißt nochmal über eine Stunde Schotterpiste – allerdings durch das wunderschöne Tuli-Gebiet mit seinen Roten Felsen, der Roten Erde, dem Blauen Himmel und der schönen Vegetation.

Die Grenze ist hier der Fluss – die Botswana-Seite liegt diesseits und die Südafrika-Seite jenseits. An der Botswana-Seite sind wir die Einzigen an dem recht kleinen Grenzübergang. Wir müssen beide rein, die obligatorischen Immigrationspapiere ausfüllen und dann dürfen wir passieren. Das war ja einfach.

Nun fahren über einen Damm, der gerade mal 20 Zentimeter breiter als unser Auto ist, und dann sind wir auf der Südafrikanischen Seite. Dort sind wir auch die einzigen. Hier müssen wir noch nicht einmal Papiere ausfüllen, bekommen einen Aufkleber in unsere Pässe und einen Zettel, den wir draußen bei den Kontrolleuren abgeben müssen. Und dann geht es los.

Der Grenzer will unser Auto sehen.

„What do you want to see?“ versuche ich einzugrenzen.

„Everything“ ist die wenig ermutigende Aussage.

Er will mit der Rückbank anfangen, schaut da neugierig rein. Da aber haben wir die ganzen Kamera-Sachen. Ich lenke ihn also geschickt zu dem hinteren Teil des Wagens, wo die ganzen unverfänglichen Camping-Sachen, Kühlbox etc. sind.

„Okay, so let’s start at the trunk“ sage ich und gehe nach hinten.

Währenddessen fragt er, wo wir herkämen.

„Germany“ –

„Ah“ – sagt er – „Bayern Munich“

„yes“, sage ich, auch wenn mir das als Wahl-Hamburger etwas schwer fallt… ;-)

„they won yesterday against Real Madrid“ sage ich und grinse – „didn’t they?“ – der Junge aus unserem letzten Camp hatte mich heute morgen Fußball-technisch noch auf den letzten Stand gebracht.

„yeah“ seine Augen leuchten. „They won – it’s unbelievable!“

„Show me the fridge“ – lässt er etwas „geschäftliches“ in unseren Small-Talk über Fußball einfließen.

„Not much in there“ – sage ich – „we are on our way back home“ – und als ich die Box öffne ist da wirklich nur noch ein einsames Glas Marmelade drin.

Dann ziehe ich die große Schublade im unteren Bereich des Aufbaus raus, währenddessen berichte ich, dass wir in Hamburg wohnen, ganz im Norden und München ja ganz im Süden sei. Auf der Schublade befinden sich 9 große Campingboxen, in den all unsere Camping-Sachen verstaut sind. Kocher, Essen, Werkzeug, halt alles, was man so braucht. Ich fange mit den vorderen drei Boxen an: Zucker, Mehl, Nudeln, Rosinen, Müsli, Cornflakes, Besteck, Teller, Becher, etc…

Als er die drei vorderen Boxen begutachtet hat (da drin ist ein ganz schönes Chaos, immerhin sind wir mit dem Wagen gerade wieder mal über Stock und Stein gefahren) – geht es an die Zeile dahinter. Töpfe, Grill, Werkzeug, Lampe, etc. etc. Okay. Die letzte Zeile ist immer schwer erreichbar, dazu muss man die anderen Boxen raus nehmen. Ich fange damit an.

„No – it’s okay“ sagt er und grinst.

„So have a nice journey back home“ sagt er –

„Thank you!“

Tja, was soll ich sagen – Fußball verbindet halt. Und das, obwohl ich mich eigentlich gar nicht so dafür interessiere, hier hat es wieder einmal geholfen ;)

Nun fahren wir weiter. Noch 20 Kilometer auf Schotter, dann geht es auf eine Asphaltstraße. Und nun müssen wir nochmal 40 Kilometer in die „falsche“ Richtung fahren, zum Tanken. Na toll.

In dem kleinen Ort „All-Days“ angekommen, suchen wir als erstes eine Tankstelle. Davon gibt es gleich drei oder vier. Im Umkreis von über 100 Kilometern keine Tanke und dann hier gleich so viele. Das verstehe einer. Wir tanken, Karte geht leider nicht, dafür gibt es einen Geldautomaten. Okay – dann also so.

Nun wollen wir noch die Gelegenheit nutzen, etwas für die letzten 2 Tage einzukaufen, unsere Vorräte sind so gut wie aufgebraucht. Wir suchen einen Laden, das ist aber gar nicht so einfach. Bei zwei kleineren Läden bekommen wir nicht das, was wir suchen (hier gibt es wieder keine frischen Sachen, keine Margarine, kein Wasser) – dann finden wir so eine Art Einkaufszentrum – mehrere Läden vom Bestattungsunternehmer bis  zum Supermarkt sind um einen großen Platz angeordnet, auf dem das Leben tobt.

Einige Wellblechüberdachungen erinnern vage an einen Busbahnhof, darunter wurden aber diverse Stände aufgebaut, an denen gekocht und gebraten wird und mit allen möglichen Dingen gehandelt wird. Alles jedoch übertönt von recht lauter Musik, die von mehreren Seiten kommt und natürlich jeweils unterschiedlich ist.

In der Mitte des Platzes trifft sich alles zu einer beeindruckenden Dissonanz. Beim Einfahren auf den Platz und auf der Suche nach einem Parkplatz haben wir den Einkaufsladen schon mehrere hundert Meter hinter uns gelassen und ich parke zwischen einigen Mini-Vans. Das Auto können wir hier unmöglich alleine lassen. Diana hier im Auto alleine zu lassen halte ich auch für eine schlechte Idee. Was tun?

Nach kurzer Überlegung schlage ich vor, dass sie schnell die paar Sachen einkauft, die wir brauchen und ich hier warte. Sie springt also raus und ich stehe alleine in dem Trubel.


Die Sonne knallt erbarmungslos, es ist Mittag. Ich öffne die Fahrertür und schaue mir das bunte Treiben an. Permanent fahren Minibusse durch die Menschenmassen unter den Wellblechdächern, offenbar ist das wirklich ein Busbahnhof. Und ich parke mitten auf dem Busparkplatz, vor dem Bestattungsunternehmen. Egal. Ich bleibe hier, auch, wenn ich mich nicht wohl fühle. Hoffentlich kommt Diana schnell wieder, damit wir aus diesem Troubel rauskommen.

Die Musik ist offenbar eine Art Karaoke. Vor mehreren Läden sitzen Typen neben den Boxen und haben ein Mikrofon in der Hand, in das sie ein Art Rap hinein singen. Wie gesagt – unabgestimmt. Ich sitze in der Mitte. Die Töpfe rauchen, die Menschen sind guter Dinge und schlendern über den Platz. Bald erkenne ich einzelne Charaktere wieder, denn sie gehen offenbar ihre Runden.

Wo bleibt denn Diana.

Ich stelle mich neben das Auto. Die Hitze ist ja nicht auszuhalten. Da wird man ja weich in der Birne. Ab und zu nehme ich Blicke wahr und sehe Gesichtsausdrücke wie „was will denn der Weiße Tourist hier“.

Hoffentlich geht es Diana da drinnen gut und sie hat keine Probleme.

Eine halbe Stunde ist mittlerweile ins Land gegangen! Kauf die da den ganzen Laden auf?

So langsam werde ich nervös. Was, wenn ihr etwas passiert ist? Sie entführt wurde? Sie sich verlaufen hat?

Letzteres glaube ich eigentlich nicht – sich in Menschen-Mengen zu orientieren ist eher ihr Ding, als meins – sie findet sich auch in Shopping-Centern deutlich besser zurecht als ich.

Aber ich mache mir natürlich meine Gedanken.

Hätte ich sie nicht schicken sollen? Aber hier alleine zu warten wäre vermutlich die noch schlechtere Option gewesen.

Eine dreiviertel Stunde ist um.

Ich mache mir Sorgen.

Wenn sie in 15 Minuten nicht wieder hier ist, gehe ich rein. Dann muss ich allerdings das Auto alleine lassen. Wie sieht das denn aus? Der Gringo passt fast eine Stunde auf sein Auto auf und geht dann weg? Da ist doch sicherlich etwas wertvolles drin!

Scheiße. Die Rucksäcke könne ich noch nach hinten packen, aber auch das würde doch Mega Aufsehen erregen, wenn ich jetzt anfange das Auto umzupacken. Ich habe eh schon den Eindruck, dass mich alle anstarren.

Das ist echt eine blöde Situation jetzt. Kann Diana nicht bitte jetzt kommen??

Wie kann das denn so lange dauern, wenn nichts passiert ist?

Nach fast einer Stunde ist es soweit. Jetzt muss ich handeln. Irgendwas stimmt hier definitiv nicht.

Ich bin jetzt nervös immer wieder schaue ich links, wo sie hin verschwunden ist, und von wo aus sie schon längst hätte auftauchen müssen. Eine große, weiße Frau ist hier eigentlich nicht zu übersehen!

Ich beschließe also, das Auto wirklich so stehen zu lassen, mit all den Sachen und sie zu suchen.

Ich mache also das Fenster hoch und schließe ab.

Gerade, als ich losgehen will, kommt Diana von rechts, zwei Tüten in der Hand, und ist ziemlich aufgelöst.

„Wo kommst Du denn her?“ ist das erste, was mir in meiner Erleichterung einfällt.

„Du glaubst gar nicht wie voll es da drinnen war. Ich habe eine Dreiviertelstunde an der Kasse angestanden. Das ging gar nicht – ich wusste ja, dass Du Dir Sorgen machst, tut mir leid. Aber ich wusste auch nicht, ob wir noch an einem weiteren Einkaufsladen vorbeikommen, sonst hätte ich die Sachen einfach stehen gelassen.“

Boah bin ich erleichtert.

„Kannst Du ja nichts für – ja ich habe mir Sorgen gemacht – Hauptsache, Du bist wieder da! Jetzt lass uns erst mal schnell hier wegfahren…“

„Ja, auf jeden Fall“.

Die Tüten legen wir schnell hinten auf die anderen Sachen drauf, die den Rücksitz blockieren und dann fahren wir los.

„Ich habe kein Bier bekommen, da müssten wir nochmal irgendwo anders anhalten“ – in Botswana und Südafrika gibt es in den Lebensmittel-Läden keine alkoholischen Getränke, wie bei uns. Dafür gibt es spezielle Liquor-Stores, die dann auch entsprechend bewacht sind.

„Nee, scheiß drauf. Ich will einfach nur weg“ –

„Ja, gute Idee“.

Nun müssen wir die 40 km „Tank“-Umweg wieder zurück fahren und haben dann nochmal Dreihundert Kilometer – zum Glück auf Asphalt – vor uns.

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3 Kommentare bisher


  1. Evelyn wegner 4. April 2013, 16:43   »
    Gravatar

    mein Herz klopft noch zum Zerspringen so spannend
    erzählt. Kann mir vorstellen, daß Du in großer
    Unruhe warst. Eine Stunde ist eine lange Zeit wenn
    man warten muß. E.

  2. Simon 29. März 2013, 18:51   »
    Gravatar

    Wieder ein sehr schöner Bericht!! Vielen Dank für die Vielen spannenden Berichte! Liest man immer sehr gerne!

  3. IHW 27. März 2013, 22:08   »
    Gravatar

    Hallo Gunther,
    das hast Du so spannend geschrieben, dass ich jetzt noch Herzklopfen habe. Dazu die gute Milieuschilderung! Na, und diese Verbrüderung zweier Fußballfans … einfach schön! Es gibt doch noch Menschliches im besten Sinn!
    Mit lieben Grüßen
    IHW

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